Wieviel Religion braucht eine plurale Gesellschaft?

26.03.2021

O. Univ.-Prof. Dr. DDr. h.c. Ulrich H.J. Körtner wird diesen Online-Vortrag am Freitag, 26.03.2021 um 18.00 Uhr abhalten.

Zu den Umbrüchen, die sich seit 1989 vollzogen haben, gehört die verstärkte Präsenz von Religion im öffentlichen Raum. Befreiungsbewegungen, auch in der arabischen Welt, die in den Jahrzehnten nach 1945 eine marxistische Ideologie vertraten, haben nach 1989 dramatisch an Bedeutung verloren. Dafür treten nun Religionen wie der Islam als neue politische Ideologie auf. Die Retheologisierung der Politik hat aber auch in der vom Christentum geprägten westlichen Welt stattgefunden. Man denke vor allem an die religiöse Rechte in den USA, deren Gedankenwelt sich aus einem evangelikalen Fundamentalismus speist.

Eine der drängenden Fragen einer auch in religiöser Hinsicht pluralistischen Gesellschaft lautet, was sie in ihrem Innersten zusammenhält, wenn es nicht mehr "die" Religion oder eine Mehrheitsreligion ist. Nach einer vielzitierten Formulierung des deutschen Verfassungsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenfördes lebt der "freiheitliche, säkularisierte" – und das heißt eben pluralistisch verfasste – Staat "von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann". Ob die pluralistische Demokratie oder auch das Konzept einer Zivilgesellschaft auf irgendeine Form von Religion, d.h. eine Form der Zivilreligion angewiesen bleibt, ist umstritten.

Steht im Hintergrund der Überlegungen Böckenfördes die Frage, wieviel Religion der säkulare Staat braucht, so wird inzwischen eindringlich darüber debattiert, wieviel Religion der moderne demokratische und weltanschaulich plurale Rechtsstaat verträgt. Zugleich stellt sich die Frage, wie pluralismusfähig die Religionen sind, d.h. in welchem Maße sie in der Lage sind, sich der Moderne zu öffnen, ohne ihre Substanz preiszugeben und ihre Kritikfähigkeit einzubüßen. Das gilt insbesondere für die monotheistischen Religionen, deren Bekenntnis zu dem einen und einzigen Gott traditionellerweise zur Behauptung eines exklusiven Geltungsanspruchs für die eigene Religion führt. Die Religionen sind deshalb herausgefordert, sich produktiv mit der konfliktträchtigen Konkurrenz religiöser Geltungsansprüche und ihrer grundsätzlichen Relativierung in modernen pluralistischen Gesellschaften auseinanderzusetzen.

 

Link zum Vortrag: https://us02web.zoom.us/j/81253416354?pwd=TkIyZjQ0U0JuMysvK0ZtQjlvaHpEQT09

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O. Univ.-Prof. Dr. DDr. h.c. Ulrich H.J. Körtner
Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft, Evangelisch-Theologische Fakultät, Universität Wien, Schenkenstraße 8–10, 1010 Wien
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